Hinzerter Appell

8. Mai 2019


Mitunterzeichner:


 Klaus Jensen (Oberbürgermeister der Stadt Trier a.D.),

 Gary Diderich (Europawahlkandidat L), 

 Tom Krieps (Mitglied des Stadtrates der Stadt Luxemburg)

 Giselind Rossmann, Reinsfeld

 Isak Schneider (Europawahlkandidat L)

 Michelle Brendel, Luxemburg

 Linda Kölblin, Konz

Bildbeschreibung


 

Ein Ort im Hunsrück

An der L148 zwischen Reinsfeld und Beuren, nicht weit vom Lärm der A1 und auch nicht sehr weit entfernt von den Toren der Stadt Trier, liegt im Hunsrück die Ortschaft Hinzert. Hier, in der Nähe des Ortes, wurde in der NS-Diktatur ein Arbeitslager errichtet, das zunehmend den Charakter eines Straflagers annahm und schließlich zum Konzentrationslager wurde. Bis in die 1980er Jahre war dieser Ort weitgehend vergessen und trug die verharmlosende offizielle Bezeichnung „Ehrenfriedhof“.


1989 gründete sich aus Initiativen der frühen 1980er Jahre ein Förderverein, der sich zum Ziel setzte, die lokale und regionale Gedenkarbeit zu unterstützen und die Errichtung einer Gedenkstätte voranzutreiben. Seit 2004 ist die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Trägerin eines architektonisch viel beachteten Dokumentations- und Begegnungshauses, das die Erinnerung an die Opfer bewahrt und weiterträgt. Der Förderverein ist seit 2009 staatlich geförderter Kooperationspartner der LpB und kann 2019 auf eine 30jährige Tätigkeit zurückblicken.


Der Förderverein hat diesen Jahrestag zum Anlass genommen sich an die Öffentlichkeit zu wenden, nicht nur, weil er in das Jahr einer Europawahl fällt, sondern auch um an den 23. Mai 1949 zu erinnern: Vor 70 Jahren wurde das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verkündet.


In der Präambel dieser Verfassung heißt es:

„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“

Wir fragen uns: Was ging in den Köpfen und Herzen der Väter und wenigen Mütter des Grundgesetzes vor, die zu solchen starken, eindringlichen Worten fanden?


Die Sehnsucht nach Frieden

Die Autoren dieser Verfassung: sie stehen auf Trümmern, nicht nur denen eines Krieges, sondern auch denen einer Ideologie, die jede Form der Rechtsstaatlichkeit und die Menschenrechte mit Füßen trat und direkte und indirekte Gewalt billigend in Kauf nahm, ja einforderte und selbst schrankenlos ausübte. Eine Rückkehr zu einem irgendwie gearteten nationalen und „völkischen“ Denken mit dem Traum von einer überragenden eigenen Größe, die der rein partikularen Verfolgung eigener Interessen dient, wollten sie für immer ausschließen.


Sie eröffneten die Vision eines europäischen Friedensprojekts und legten mit dem Grundgesetz den Grundstein für eine stabile Demokratie. Sie soll ein Schutzwall sein gegen die Wiederholung oder auch nur Verharmlosung der erfahrenen Barbarei der NS-Diktatur. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, das Bekenntnis „zu unverletzlichen und unveränderlichen Menschenrechten“ und die Bindung aller Organe an Gesetz und Recht sind einige wichtige der unveräußerlichen Bestimmungen gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung.


Wir sehen, dass dieses umfassende Friedensprojekt, wie es in unserem Grundgesetz angelegt ist, zunehmend durch neonationalistische Bewegungen gefährdet ist. Wir beobachten eine Rückwendung zur „völkisch“ definierten Nation, die Ablehnung von Multikulturalität; die Ablehnung von völkerrechtlichem Multilateralismus und internationalen Institutionen.


Was diesen Bewegungen in Europa Mitläufer und Wähler zutreibt:

  • die Angst vor ökonomischer Prekarität und sozialem Statusverlust im Zeitalter der Globalisierung,
  • die durch Instrumentalisierung der Migrationsbewegungen befeuerte Furcht vor Überfremdung und Identitätsverlust,
  • das Ressentiment gegen ein polyglottes „Establishment“, das die ökonomischen Mittel und Bildungsressourcen besitzt, sich in der neuen Unübersichtlichkeit einzurichten,
  • ein unreflektiertes Geschichtsbild, von vereinfachenden Erklärungsmodellen, Verschwörungstheorien und Fake News genährt, die allzu schlichte Antworten auf die komplexen, historisch gewachsenen Fragen unserer Zeit liefern.

Einstehen für die offene Gesellschaft

Der Staatsrechtler Böckenförde formulierte folgenden Grundsatz: „Der freiheitliche, säkularisierte Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Es bleibt also eine kontinuierliche Aufgabe der Zivilgesellschaft die „Freiheit als zivilisierte und zivilisierende Kraft“ durch Aufklärung und Bildung zu gestalten und fortzuentwickeln und für eine offene Gesellschaft einzustehen. Es ist die Aufgabe der jeweiligen Gesellschaft zu ihrer Zeit die Voraussetzung für den freiheitlichen, säkularisierten Rechtsstaat zu schaffen.

 

Anlässlich des 30. Jahrestages der Gründung des Fördervereins, 70 Jahre nach Verkündung unseres Grundgesetzes und im Jahr der Europawahl 2019 appellieren wir:


 Wir wollen Erinnerung bewahren, Gedenken schützen, Unterbrechung schaffen.

Wir stellen uns gegen alle Versuche, die Verbrechen des Nazi-Regimes zu verharmlosen. Die Verleugnung der Schande entwürdigt die Opfer und den Widerstand gegen die Gewaltherrschaft erneut. Es liegt uns am Herzen, die früheren Orte des Terrors, die heutigen Erinnerungsorte, zu schützen und sie vor der Banalisierung sowie der Zerstörung zu bewahren.


Die unaufgeklärte Bequemlichkeit, die alles Fremde, Unbekannte und Neue als Bedrohung scheut, konfrontieren wir mit Erinnerung, Wissen und Forschung. Wir erhalten Orte, die für eine Unterbrechung des Lebensalltags sorgen und zum Nachdenken auffordern.


Wir fördern den grenzüberschreitenden, grenzübergreifenden Zusammenhalt.

Wir freuen uns über den mühsam gefundenen, gemeinsamen Besitzstand an Normen, Regeln, Überzeugungen und Erinnerungen in Europa. Wir haben mit unseren Nachbarn einen gemeinsamen Fundus erarbeitet, der uns gemeinsam trägt. Ihn wollen wir nicht gefährden, sondern weiterentwickeln.


Wir rufen dazu auf die Gleichgültigkeit zu überwinden und Verantwortung zu übernehmen.

  • Nutzt die Bildungsinstitutionen, Medien, Kultur und unsere gesellschaftlichen Ressourcen, um gemeinsam voneinander zu lernen!
  • Befasst euch mit der Geschichte, ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein ist das Rüstzeug der Zukunft!
  • Lasst uns die Möglichkeiten, die uns die elektronischen Werkzeuge bieten, aufgeklärt, verantwortlich und mit Klugheit und Bedacht zum Besseren nutzen!
  • Verliert nicht Eure Aufmerksamkeit für die Opfer unserer Gesellschaft!

Geht wählen!




 


Vereinsvorstand 2018 - 2020


Bildbeschreibung


Dieter Burgard (Vorsitzender) Dr. Kathrin Meß (Stv. Vorsitzende) Ricarda Ahmetovic (Kassiererin) Melanie Noesen (Schriftführerin)

Beisitzer: Alice Fuß, Johannes Metzdorf-Schmithüsen, Bernhard Lofy, Uwe Rossmann, Eugen Spieß